Fluktuationskosten berechnen

· 6 Min. Lesezeit · von Stefan Bründl
Aktualisiert am

Die meisten Geschäftsführer wissen, dass Fluktuation Geld kostet. Kaum jemand weiß, wie viel. Das liegt nicht an mangelndem Interesse — sondern daran, dass die Summe nirgends steht.

Warum die Zahl unsichtbar bleibt

Ein Mitarbeiterabgang taucht in keiner Position Ihrer Gewinn- und Verlustrechnung auf. Die Kosten verteilen sich auf Recruitingbudget, Personalkosten, entgangene Umsätze und Führungszeit — jeweils klein genug, um nicht aufzufallen.

Genau deshalb wird Fluktuation nicht gesteuert. Was man nicht misst, taucht auf keiner Agenda auf.

Die drei Kostenblöcke

1. Direkte Kosten — sichtbar, aber unterschätzt

  • Stellenanzeigen und Personalberatung: bei Fachkräften schnell 15 bis 30 Prozent eines Jahresgehalts
  • Interner Aufwand für Sichtung, Interviews, Absagen
  • Onboarding, Schulungen, Arbeitsmittel
  • Gegebenenfalls Abfindung oder Freistellung

Faustformel: 50 bis 70 Prozent eines Jahresgehalts.

2. Indirekte Kosten — messbar, wenn man hinschaut

  • Produktivitätsverlust in der Kündigungsfrist — die innere Kündigung liegt Monate zurück
  • Vakanzzeit: durchschnittlich vier bis sechs Monate bei Fachkräften
  • Einarbeitungszeit bis zur vollen Leistung: sechs bis zwölf Monate
  • Mehrarbeit im Team, das die Lücke auffängt
  • Führungszeit für Suche, Auswahl, Einarbeitung

Faustformel: 20 bis 30 Prozent eines Jahresgehalts.

3. Versteckte Kosten — schwer zu beziffern, oft am teuersten

  • Wissen, das nicht dokumentiert war
  • Kundenbeziehungen, die an der Person hingen
  • Signalwirkung im Team — Abgänge lösen weitere aus
  • Im schlimmsten Fall: Wechsel zum Wettbewerber inklusive Marktkenntnis

Faustformel: 25 bis 35 Prozent eines Jahresgehalts.

Diese drei Faustformeln sind Erfahrungswerte aus meiner Praxis, keine Studienergebnisse. Die publizierten Zahlen gehen weit auseinander — je nach Branche, Rolle und Erhebungsmethode finden Sie Angaben von 50 bis über 200 Prozent eines Jahresgehalts. Ich nenne bewusst Spannen statt einer exakten Zahl: Wer Ihnen eine Nachkommastelle verspricht, rechnet mit Annahmen, die er nicht offenlegt.

Der Fehler bei der eigenen Rechnung

Wenn Unternehmen selbst rechnen, landen sie fast immer bei einem Bruchteil des tatsächlichen Betrags. Der Grund ist systematisch: Gezählt wird, wofür eine Rechnung existiert. Die Personalberatung, die Stellenanzeige, vielleicht noch die Schulung.

Damit erfassen Sie den kleinsten der drei Blöcke — und selbst den nur zur Hälfte, weil der interne Aufwand für Sichtung, Interviews und Absagen nirgends als Kosten gebucht wird. Er verschwindet in Gehältern, die ohnehin gezahlt werden.

Wer nur die Rechnungen zählt, kommt auf 15 bis 20 Prozent eines Jahresgehalts und hält Fluktuation für ein überschaubares Thema. Genau deshalb landet sie nie auf der Agenda.

Die beiden teureren Blöcke sind unsichtbar, weil sie aus Zeit bestehen statt aus Geld: die Monate, in denen die Stelle unbesetzt ist, die Monate, in denen die neue Person noch nicht liefert, und das Wissen, das niemand aufgeschrieben hat.

Ein Rechenbeispiel

Ein Unternehmen mit 60 Mitarbeitenden, durchschnittlichem Jahresgehalt von 52.000 Euro und einer Fluktuationsquote von 18 Prozent.

60 × 18 % = 11 Abgänge pro Jahr
11 × 52.000 € × 1,25 (Mittelwert aller drei Blöcke) = 715.000 € jährlich

Das ist keine theoretische Zahl. Es ist der Betrag, den dieses Unternehmen jedes Jahr aufwendet, um seinen Personalbestand zu halten — ohne dabei zu wachsen.

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Warum Führungspositionen aus der Reihe fallen

Bei Führungskräften und Spezialisten greifen die Faustformeln nicht mehr. Die Vakanzzeiten sind länger, die Einarbeitung dauert doppelt so lang, und der Wissensverlust wiegt schwerer. Realistisch liegen die Gesamtkosten hier bei 150 bis 200 Prozent eines Jahresgehalts.

So kommen Sie an Ihre eigenen Zahlen

Die Faustformeln geben Ihnen die Größenordnung. Für eine belastbare Zahl brauchen Sie vier Werte aus Ihrem eigenen Haus — alle vier sind in ein bis zwei Stunden zusammengetragen:

  • Ihre tatsächliche Vakanzzeit. Nicht die gefühlte. Nehmen Sie die letzten fünf Nachbesetzungen und rechnen Sie vom letzten Arbeitstag bis zum ersten Arbeitstag des Nachfolgers.
  • Ihre echten Recruiting-Kosten pro Stelle. Externe Rechnungen plus eine grobe Schätzung der internen Stunden — Sichtung, Gespräche, Abstimmung. Rechnen Sie die Stunden mit dem Stundensatz der Beteiligten.
  • Die Zeit bis zur vollen Leistung. Fragen Sie zwei oder drei Führungskräfte, ab wann eine neue Person in ihrem Bereich wirklich eigenständig liefert. Die Antworten liegen meist deutlich über der offiziellen Einarbeitungszeit.
  • Die Zahl der beeinflussbaren Abgänge. Nicht jede Beendigung, sondern die Eigenkündigungen — wie Sie die sauber abgrenzen, steht hier.

Mit diesen vier Werten rechnen Sie Ihre eigene Faustformel statt meiner. Erfahrungsgemäß liegt das Ergebnis über der Schätzung, nicht darunter.

Was Sie mit der Zahl anfangen

Der Wert dieser Rechnung liegt nicht in der Genauigkeit. Er liegt darin, dass sie das Gespräch verändert.

Aus „wir haben etwas erhöhte Fluktuation" wird eine sechsstellige Zahl. Und sechsstellige Zahlen landen auf der Geschäftsführungsagenda — nicht im Personalbericht.

Der zweite Nutzen ist die Verhältnisrechnung: Wenn ein Abgang 65.000 Euro kostet, dann rechnet sich jede Maßnahme, die zwei Abgänge im Jahr verhindert, ab einem Budget von 130.000 Euro. Die meisten Retention-Maßnahmen kosten einen Bruchteil davon.

Was in dieser Zahl nicht steckt, ist der größere Posten: das Geschäft, das Sie nicht gemacht haben. Eine unbesetzte Vertriebsstelle kostet Sie nicht nur die Wiederbesetzung, sondern die Kunden, die in diesen Monaten niemand betreut hat. Ein Projekt, das mangels Kapazität später startet, verschiebt Umsatz in ein anderes Jahr — oder zu einem Wettbewerber. Diese Effekte sind seriös kaum zu beziffern, weshalb sie in keiner Faustformel auftauchen. Bei wachstumskritischen Rollen sind sie trotzdem der größte Einzelposten. Wenn Sie die Rechnung Ihrer Geschäftsführung vorlegen, nennen Sie sie ausdrücklich als das, was sie sind: nicht enthalten, und vermutlich größer als alles darüber.

Damit die Rechnung aufgeht, brauchen Sie zwei Dinge: eine korrekt berechnete Fluktuationsquote und ein Verständnis dafür, warum diese Mitarbeiter überhaupt gehen.

Stefan Bründl
Stefan Bründl

Über 20 Jahre Führungsverantwortung, dazu Jahre als Personaldienstleister. Heute berät er Geschäftsführer im Mittelstand dabei, Fluktuation systematisch zu senken. Mehr erfahren →

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